| Wirklich schwul? |
Wirklich schwul - das kann doch nicht sein?!
Bin ich schwul? Glauben konnte ich es nicht, denn ich habe wie fast alle meiner Klassenkameraden immer mal eine Freundin gehabt. Das war in der Schule doch so, alle hatten mal eine Freundin und die, die nie eine hatten waren immer gleich spießig und langweilig. Auf den Mund gefallen war ich schon in der Schule nicht und gegen die Sprüche der Älteren, weil ich vielleicht etwas tuntig rumlief, konnte ich mich immer sehr gut wehren. Bin ich wirklich schwul, nein das kann doch nicht sein. Ich wohne schließlich in einem kleinen Dorf, ich bin in der Jugendfeuerwehr und jeder kennt meine Eltern, meine Familie und mich.
Ich verdrängte dieses Thema während meiner Schulzeit sehr und auch später war es erst mal tabu darüber nachzudenken. Nicht auszumalen was die Nachbarn sagen, meine Freunde und die Feuerwehrkameraden. Schließlich war ich zwischenzeitlich auch schon Jugendfeuerfeuerwart geworden. Das war natürlich ganz im Sinne meiner Eltern, dass sich auch die dritte Generation der Familie in der Feuerwehr engagiert.
Ich lebte also ein "normales" Leben, suchte immer irgendwelche Ausreden, wenn ich mal andere Jungs kennen lernte und hatte dann auch eine Freundin.
Das war eine nette Zeit, wir waren Nachbarn, sahen uns oft ohne uns auf die Nerven zu gehen. Ich hatte schließlich in der Feuerwehr eine Menge zu tun. Das Bild hat gepasst, denn ich konnte sie immer zu den Veranstaltungen der Feuerwehr mitnehmen und sie hatte auch Spaß dabei.
Im Laufe der Zeit wurde ich mir unsicherer und beendete die Beziehung nach einem dreiviertel Jahr ohne irgendwelche Gründe nennen zu können. Die Probleme waren da, Petra konnte meine Entscheidung nicht verstehen und ich sie ihr nicht erklären.
Ich lebte mein Leben so voller Lügen erst einmal weiter ohne mir weitere Gedanken zu machen. Ich war immer unterwegs, ging mit Freunden weg und das Junggesellenleben war eigentlich perfekt.
Bis zu diesem einen Tag, an dem mir klar wurde, das es so nicht weitergehen könnte. Mein bester Freund Sven hatte zwischenzeitlich ein nettes Mädel kennen gelernt. Die beide standen nun da, eng aneinander in der Disco und zeigten sich ihre gegenseitige Zuneigung. Ich lief immer wieder wie ein Huhn durch die Bude und schaute, ob auch noch andere Leute da waren, die nicht die ganze Zeit knutschten. Leider war keiner zu finden. So stellte ich mich in eine andere Ecke und fing an nachzudenken. "Ich will auch mal mit jemandem Arm in Arm in der Disco stehen", "Ich will auch mal jemand, den ich mag, in der Disco küssen". Eine Menge Dinge gingen mir durch den Kopf. Wie kann ich endlich Licht in die Sache bringen? Ich hatte keine Idee. Ich musste mit Sven sprechen. Ich muss mich ihm anvertrauen. Aber was ist, wenn er mir dann die Freundschaft kündigt, die mir sehr wichtig ist?
Ich musste es drauf ankommen lassen, ich wollte den richtigen Zeitpunkt suchen und es ihm erzählen. Es dauerte auch nicht lange, bis wir wieder gemeinsam unterwegs waren. Diesmal fuhr Svens Freundin Annika und wir hatten die Chance auch mal wieder etwas zu trinken. Wir gingen nett essen, hinterher gemeinsam Billard spielen. Es kamen in mir wieder die gleichen Gedanken wie schon in der Disco. Keiner der beiden war in der Lage sich auf das Spielen zu konzentrieren, weil sie ewig nur ans Küssen dachten. So fasste ich den ersten Gedanken, Sven zu fragen, wann er wieder in seine Kaserne musste (er ist Soldat, und wir sahen uns nur am Wochenende). "Ich muss dir mal was erzählen, wann hast du denn mal Zeit für mich?" Er merkte, dass ich bedrückt war und mir etwas auf dem Herzen lag. "Du kannst mir das doch jetzt gleich erzählen, wir haben doch jetzt Zeit." Ich war mir unsicher und unvorbereitet auf den vielleicht wichtigsten und gefährlichsten Schritt meines Lebens. Er ließ nicht locker, seine Freundin bot an raus zu gehen, damit wir alleine reden können. Ich verneinte die Idee, konnte aber trotzdem nicht mit der Sprache rausrücken. Er bohrte immer weiter, bis ich es rausließ: "Ich bin schwul."
"Ja, und?" erhielt ich als Antwort. "Ich habe kein Problem damit."
Da saß ich nun, das erste Mal, dass ich mit jemanden darüber gesprochen habe, mit meinen feuchten Augen, weil ich immer noch Angst hatte, dass er sich zurück zieht. Einerseits war ich erleichtert, dass es nun endlich raus war und anderseits hatte ich immer noch ziemlich Angst. Wir sind an diesem Abend nicht weiter auf das Thema eingegangen. Seine Freundin bedankte sich für das Vertrauen. Sie fand es klasse, dass sie dabei bleiben dürfte und jetzt auch alles wusste. Sven drücke mich, nachdem ich aus dem Auto ausstieg und mir war klar, dass es in Ordnung ist. Endlich hatte ich jemanden mit dem ich darüber sprechen konnte, der mich in meinen weiteren Schritten unterstützen würde.
Nach dieser positiven Erfahrung dauerte es auch nicht lange, bis ich meinen ersten Freund kennen lernte. Ich nahm ihn mit in die besagte Disco. Sven und Annika wussten natürlich schon, dass es ihn gibt und alle anderen fragten gar nicht. Sie gingen davon aus, das es sich um einen guten Kumpel handelte. Ich hatte endlich jemanden der nur für mich dabei war. Wir konnten uns natürlich in der Hetro-Disco nicht so nahe kommen wie es vielleicht andere machen konnten. Man kannte mich dort und übertreiben wollte ich es schließlich nicht. Leider hat diese Beziehung nicht sehr lange gehalten, da der Altersunterschied doch ziemlich groß war, aber Detlev ist heute immer noch ein guter Freund und hat mir noch viel in meiner weiteren Zeit geholfen.
So suchte ich auch bald das erste Gespräch zu meiner Familie. Ich wollte mit meiner Tante anfangen, die nur wenige Jahre älter ist und ich davon ausging, dass sie bereits mehrere Schwule kannte. Wir gingen nett essen und ich hatte auch nicht lange Ruhe, bis sie fragte, was ich wichtiges zu erzählen hatte. Ich erzählte ihr, schon etwas ungezwungener, was mit mir los sei und warum ich mit ihr sprechen wollte. Sie stand auf, gab einen Schrei von sich und nahm mich in den Arm. Damit war auch das Thema erledigt.
Ich hatte mich nach diesem Gespräch so langsam darauf eingestimmt nun endlich auch mit meiner Mutter über mich zu sprechen.
Es kann sich sicher jeder vorstellen, dass dieses Gespräch nicht den gewünschten positiven Ausgang hatte. Meine Mutter zweifelte an Ihrer Erziehung. "Überlege dir das man noch mal" oder "Was habe ich nur falsch gemacht?". "Was sagen nur die Leute, wenn ich einkaufen gehe?" Die Ehre der Familie habe ich verletzt. Ich brachte Argumente, aber sie war verständlicher Weise in diesem Moment nicht dazu bereit, das zu verstehen. Ich erhielt Anrufe von Ihrem Lebensgefährten, wie fertig sie seit unserem Gespräch sei. Ich konnte ihm nur sagen, dass es nicht um ihn ging und sie es ihm selber erzählen muss, ansonsten müsste er noch etwas warten. Heute hat sie sich, und ich nenne es bewusst so, langsam damit abgefunden. Ich selber war nach diesem Gespräch sehr niedergeschlagen, denn ich habe schon etwas mehr Verständnis erwartet.
Ein kleiner Rückschlag sollte schon mal drin sein, denn weitere sollte ich nicht erleben. So ging es weiter. Ich erzählte es meiner anderen Tante, die spontan eine Flasche Sekt öffnete, nachdem ich ihr klarmachte, das ich sie nicht anschwindele.
Eines Abends sprach ich auch mit meiner Ex-Freundin Petra. Wir führten mal wieder eine Diskussion, weil sie immer noch nicht die Trennung verstand, die allerdings schon über ein Jahr zurück lag. Nun war es an dem Punkt auch ihr endlich mal zu sagen warum unsere Beziehung in die Brüche gegangen ist. Ich erzählte also auch ihr meine ganze Geschichte. Seit diesem Tag können wir wieder über alles miteinander reden. Alle lange Zeit ungeklärten Fragen waren erledigt.
Ich begann für mich darüber nach zudenken, wie ich dieses Thema in der Feuerwehr anbringen könnte und vor allem auch in der Jugendfeuerwehr. Es waren bislang alles Leute den ich vertraute, aber was sollte werden, wenn doch mal irgendetwas durchrutschte.
So suchte ich ein Gespräch mit unserer Jugendpflegerin, als Diplom Pädagogin, Feuerwehrfrau und Jugendfeuerwehrwartin sollte sie mir vielleicht helfen können. Leider hatte sie auch keinen Tipp und ich musste alleine sehen wie ich das Thema in der Feuerwehr anbringe.
So stand ich da, wusste nicht was ich machen sollte und die Feuerwehr-Gays kannte ich zu dieser Zeit auch noch nicht. Meine Freunde, die es wussten, wagten auch nicht zu sagen was passierte.
Ich fasste also den Entschuss bei einer Sommerfete auch meinen Stellvertreter über die Thematik zu informieren. Wie sich im Nachhinein heraus stellte, der falsche Platz und die falsche Zeit. Ich war mir klar, dass ich vielleicht nicht mehr lange Jugendfeuerwehrwart sein würde und das versuchte ich ihm zu verdeutlichen. Martin verstand natürlich überhaupt nicht, was ich von ihm wollte und ich musste immer direkter werden. "Jetzt ist meine kleine Welt zusammengebrochen" sagte er mit immer blasser werdenden Gesicht. Er kannte nun einen Schwulen und der war auch noch ein guter Freund mit dem er schon zusammen im Sandkasten spielte. Martin fing an sich nach unserem Gespräch sinnlos zu betrinken, was ich leider nicht mehr mitbekam. Für mich nahm der Abend also seinen normalen Verlauf. Ich hatte ein kleines Mitteilungsbedürfnis und erzählte noch zwei anderen Leuten davon, die es bedeutend besser aufnahmen. Am nächsten Morgen räumten wir alle gemeinsam auf und es wurde von niemandem auch nur eine Anmerkung gemacht.
Der große Hammer folgte erst am kommenden Tag. Ich wollte gerade zum Dienstabend der Feuerwehr, als ich einen Anruf von Petra erhielt, die mir erzählte, dass ihr Vermieter, also mein Nachbar, sie angesprochen hätte, ob es etwas Neues gäbe. Sie verneinte die Sache bekanntermaßen, aber das war nicht nötig gewesen. Im weiteren Verlauf des Gespräches der beiden stellte sich raus, das mein Nachbar die ganze Sache schon an diesem Morgen am Stammtisch erfahren hatte.
Ich war am Ende. Der Puls stieg dermaßen an und ich bekam Bauchschmerzen. Ich wollte doch zum Dienst, was passiert da? Wer weiß es denn nun noch - oder schon?
Bevor ich zur Feuerwehr fuhr griff ich mir Martin und stellte ihn zur Rede. Er wusste nichts mehr, nur noch das, was ich erzählt hatte. "Es könnte sein, das ich es im Suff irgendjemanden erzählt habe." Ich war mir nicht sicher, ich hatte es ja mehreren Leuten erzählt. War es vielleicht wo anders durchgesickert?
Es war jetzt auch egal. Fakt ist, dass es raus war. Ich musste jetzt sehen wie ich mit den Kommentaren der anderen Kameraden und des ganzen Dorfes klar komme. Bei diesem Dienstabend kam nichts, aber auch gar nichts. Und bei den folgenden auch nicht. So hatte ich die Chance noch vorab mit einigen Leuten zu sprechen, denen ich es persönlich sagen wollte. Einer von ihnen war mein Vater, der mittlerweile ja auch in der Feuerwehrführung angesiedelt ist und eventuell eigene Probleme dadurch bekommen könnte. Mein Vater reagierte sehr positiv. Er fragte nur, ob ich mir über die Folgen, die in der Feuerwehr kommen könnten, Gedanken gemacht hätte. Das hatte ich wirklich, mir war klar, dass ich, wenn keiner hinter mir steht, meine Jugendfeuerwehrarbeit an den Nagel hängen kann.
Auch im beruflichen Bereich führte ich ein Gespräch.
Bei der Feuerwehr kam weiterhin nichts. Keiner sagte oder fragte etwas, so dass ich die Sache mal in Angriff nehmen musste. Ich fragte Sven, ob er mal was gehört hätte. "Einige fragten, ob du wirklich richtig schwul bist, oder nur ein bisschen" bekam ich als Antwort. Ich fragte die Kameraden also selber und das Ergebnis brachte mich das nächste Mal zum Staunen. "Ich wusste das schon vor der Party". Musste ich an meinen Freunden zweifeln? Wo ist schon mal vorher etwas durch gerutscht? Es wurde von den Leuten, mit denen ich sprach, sehr locker aufgenommen. Wenn ich mal nicht am Dienst teilnehmen konnte, wurde auch schon erwähnt, das ich bei meinem Freund verweilte. (Ich hatte nämlich zwischenzeitlich wieder einen netten Typen kennen gelernt.)
Von Sven bekam ich immer mal wieder mit, das kleine "Lästereien" über mich gelaufen sind. Aber in keinen Fall kamen negative Dinge zur Sprache. So bin ich davon ausgegangen, dass auch meine Feuerwehrführung Bescheid weiß und schnitt das Thema auch dort mal kurz an. Mein Gemeinde- und auch der Ortsbrandmeister wussten nichts und ich schämte mich ein wenig die Holzhammermethode angewandt zu haben. Auch von dieser Seite kamen nie negative Aussagen und Bedenken. Ich konnte also meinen Freund zur Feuerwehr mitbringen, was ihm sicher schwerer fiel als mir. So kam es auch, das wir kurz darauf einen Ausflug gemeinsam mit der Jugendfeuerwehr und den Aktiven veranstalteten. Die Jugendlichen wussten nichts, das dachte ich zumindest, aber auch denen sollte das wohl während der Bustour klargeworden sein. Auch wenn wir nie öffentlich zeigten, dass wir ein Paar waren, wurde sicher unmissverständlich klar, wer der Typ an meiner Seite war.
Ich habe immer von einem Outing in der Jugendfeuerwehr abgesehen. Zum einen wusste ich nicht, wie ich es anfangen soll und zum anderen bin ich für die Aufklärung der Kleinen nie vorbereitet gewesen.
So kam es, das ich mal einen meiner Jungs ein wenig aufs Glatteis führen wollte und ihn bat nach Dienstende noch im Raum zu bleiben. "Ich habe da etwas gehört, und bevor ich mit deinem Vater darüber spreche, solltest du es mit selbst erzählen." Es gab keinen Grund für ihn ein schlechtes Gewissen zu bekommen, er sollte nur Kreide aus der Schule mitbringen. Er konnte es nicht greifen, was durchaus verständlich ist. Als er dann fragte "Was meinst du denn? Dass du schwul bist?" fiel mir nur noch die Kinnlade runter. Ich konnte nicht "nein" und auch nicht "ja" sagen. Ich war wie vom Blitz getroffen. Mein Stellvertreter stand nur neben mir und machte sich vor Lachen fast in die Hose. Noch nie hatte er mich so sprachlos gesehen.
Jetzt war ich mir sicher, dass sie was wussten und ich es ansprechen sollte. Nur wie? Während des Übungsdienstes oder mit jedem Einzeln? Wie können die 10jährigen damit umgehen? Geht das nicht etwas weit? Mussten wir kompletten Aufklärungsunterricht leisten? Wir beschlossen, das Thema vorerst nicht zu behandeln. Aber bei der nächsten Weihnachtsfeier erledigte sich das Thema von alleine. Nach dem Schlittschuhlaufen waren wir gemeinsam Pizza essen gegangen. Die Kids hatten sich extra zu Weihnachten ein Geschenk überlegt und als ich das in der Hand hielt, war mir klar, dass alle Bescheid wussten. Ich bekam einen kleinen Adonis geschenkt. "Wir dachten darüber freust du dich am meisten" war der Kommentar zu diesem Geschenk. "Ich wusste gar nicht, dass ihr das wisst" konnte ich nur antworten. "Klar, wir sind doch nicht doof, aber es ist egal, wir nehmen dich so wie du bist." Das war eine Aussage, die mir wieder einmal die Tränen in die Augen stiegen ließ. Eine solche Aussage von diesem "Haufen", damit hätte ich nicht gerechnet.
Was soll ich noch sagen, das ist nun erst vor kurzem gewesen. Bei der Feuerwehr gibt es immer noch viel zu lachen. Auch jetzt hat keiner Angst, mit mir nach den Einsätzen oder Übungsdurchgängen auf der Atemschutzstrecke Duschen zu gehen. Mein Coming-Out ist somit vollzogen. Wunderbar verlaufen, was sicher nicht jeder von sich behaupten kann. Meine Kameraden bewundern mich wegen meiner Arbeit, die ich in der Jugendfeuerwehr oder auch bei den Aktiven leiste und nicht wegen meiner sexuellen Veranlagung.
Ich bin der Auslöser für etwaige Schwulenwitze und mache mich manchmal schon sehr direkt und auffällig an meine Kameraden ran, um die Stimmung aufzubauen. Meinem Stellvertreter bin ich heute sogar dankbar. Wenn ich andere Erfahrungen gemacht hätte, würde ich sicher kein Wort mehr mit ihm sprechen. Und wie sagt er so schön: "Seit dem alle wissen, dass du schwul bist, haben wir noch mehr zu lachen."
|